Die Fassade als Träger der Markenidentität
Dem neuen Betriebsgebäude der Firma Gambit Systems im polnischen Gliwice ist ablesbar, mit welchen Produkten das darin ansässige Unternehmen handelt. Die Fassade fungiert dabei als integraler Bestandteil der Corporate Architecture – eine gebaute Visitenkarte, die Unternehmenswerte sichtbar und erlebbar macht.
Corporate Architecture bezeichnet die architektonische Umsetzung der Unternehmensidentität. Sie umfasst nicht nur die äussere Gestaltung, sondern auch Materialwahl, Farbkonzept, Lichtführung und formale Ausdruckskraft. Ziel ist eine Architektur, die über reine Funktionalität hinausgeht und als Kommunikationsmittel dient – sowohl nach innen zu Mitarbeitenden als auch nach aussen zu Kund:innen, Partner:innen und der Öffentlichkeit.
Ein prägnantes Beispiel liefert das neue Büro- und Lagergebäude der Firma Gambit Systems, einem in Polen führenden Anbieter von Rohrleitungssystemen (und u.a. grösstem polnischen Händler von Georg Fischer-Produkten).
Das Architekturbüro KWK Promes hat ein Konzept umgesetzt, das die Unternehmensidentität visuell transportiert: Ein kompakter Betonbau wird von einer Hülle aus gestapelten Aluminiumrohren umschlossen. Die industrielle Materialität der Röhren wird zur Fassade und verleiht dem Gebäude eine starke Wiedererkennbarkeit. Das Resultat ist eine hybride Struktur, in der Funktion, Form und Markenbotschaft untrennbar miteinander verbunden sind. Die Lösung ist formal eigenständig, sehr werbewirksam und wirtschaftlich zugleich.
Abstrahierte Formensprache
Das neue Betriebsgebäude ersetzt eine ehemalige Produktionshalle in einem ruhigen, von Einfamilienhäusern geprägten Quartier südlich des Gleiwitzer (Gliwice) Stadtzentrums. Die Architekten übersetzten die ortstypische Baukörpertypologie mit steilen Satteldächern und langgestreckten Nebengebäuden in eine abstrahierte, industriell inspirierte Architektursprache. Der Bebauungsplan begrenzt die Gebäudehöhe auf zwei Geschosse, wodurch der Neubau niedrig und horizontal orientiert bleibt.
Das Volumen von insgesamt 5366,53 m3 gliedert sich in drei funktional und formal differenzierte Bereiche. Der Bürotrakt weist ein asymmetrisches Satteldach auf. Um die zulässige Gebäudehöhe nicht zu überschreiten, wurde das Dach im Obergeschoss gekappt. Die geneigten Wandflächen referenzieren das Leitmotiv der Rohrstapelung, wobei ein 60°-Winkel die höchste Packungsdichte der Rohre erzielt. Diese Geometrie bestimmt die Dachneigung des Bürovolumens und bildet eine subtile Verbindung zur Unternehmensidentität.
Der eingeschossige Mittelbau verbindet Büro- und Lagerhalle und dient als Produktionsvorbereitung. Die Lagerhalle erscheint als eigenständiger, unbeheizter Quader. Mit 750 m² nimmt sie den grössten Anteil an der Bruttogrundfläche von 1.290 m² ein, während 160 m² auf die Produktionsvorbereitung und 380 m² auf Büroflächen entfallen. Trotz der stattlichen Dimensionen fügt sich das Gebäude durch differenzierte Volumengliederung und reduzierte Höhe harmonisch in die Umgebung ein. Die Fassadengestaltung bildet zur Strasse hin eine markante, werbewirksame Präsenz.
Der Innenausbau folgt einer industriell-minimalistischen Haltung. Sichtbeton dominiert die Oberflächen und bildet zusammen mit klassischen Fensterformaten und gezielt eingesetzten Oberlichtern eine funktionale Atmosphäre. Die Lager- und Nebenräume im Obergeschoss werden ausschliesslich über Dachflächen belichtet, was eine hohe Nutzungsflexibilität entlang der Aussenwände ermöglicht.
Die Fassade als Markenträger
Zentrales Entwurfsanliegen war die architektonische Übersetzung des Unternehmensportfolios in eine visuell prägnante Form. Das Hauptprodukt – Rohre – wurde nicht nur als Zitat, sondern als integratives Gestaltungselement in die Gebäudehülle integriert. Die Fassade wird so zum Träger der Markenidentität, in der Form und Funktion untrennbar verbunden sind.
Die Hülle aus gestapelten Röhren macht die Nutzung des Gebäudes direkt ablesbar. Halbierte oder vollständige Aluminiumrohre mit 250 mm Durchmesser wurden auf einer quer verlaufenden Unterkonstruktion aus Aluminiumprofilen montiert und vor der Dämmebene befestigt.
Die Röhren bestehen aus unbehandeltem Aluminiumblech – robust, pflegeleicht und dauerhaft. Das Material erfüllt alle brandschutztechnischen und bauphysikalischen Anforderungen und entwickelt mit der Zeit eine matte Patina, die in ihrer Materialwirkung dem Sichtbeton des Baukörpers ähnelt. Diese archaisch-industrielle Gesamtwirkung verleiht dem Gebäude Charakter und Authentizität.
Ökonomie trifft auf Ausdruckskraft
Die Wahl von Aluminium war nicht nur ästhetisch, sondern auch pragmatisch motiviert: Langlebigkeit, Wartungsarmut und Kostenbewusstsein standen im Fokus – essentielle Faktoren bei begrenztem Budget. Ein konstruktives Detail verdeutlicht den planerischen Ansatz: Um Strömungsgeräusche durch Wind zu vermeiden, wurden die Rohrenden an den Gebäudekanten verschlossen. Auf Vogelnetze wurde zugunsten ökologischer Mehrwerte verzichtet, um Vögeln geschützte Nistplätze zu bieten.
Mit einer Gesamtinvestition von rund 955.500 € für Büro-, Produktions- und Lagerflächen spiegelt das Projekt ein effizientes Verhältnis zwischen Kosten und architektonischem Ausdruck wider.
Das neue Betriebsgebäude zeigt, wie Architektur über die rein funktionale Rolle hinaus zur Trägerin der unternehmerischen Identität wird. Die Fassade übernimmt mehr als nur eine schützende Funktion: Sie wird zum zentralen Element der Markenkommunikation. Konstruktion und Ausdruck spiegeln die Unternehmenswerte – Pragmatismus, industrielle Klarheit und formale Prägnanz.
Bautafel
Bauherrschaft: Gambit Systems, Gliwice
Architektur. Robert Konieczny KWK Promes, Katowice
Text: Patricia Brandeville
Fotos: Juliusz Sokolowski