Kengo Kuma: OMM Odunpazarí Museum für Moderne Kunst

Tradition und Transparenz schliessen sich nicht aus – das belegt dieser spektakuläre Museumsneubau in Eskişehir. Hinter der Fassadenbekleidung aus massiven Kanthölzern gewährleistet eine verglaste Fassade Wärme- und Brandschutz.

Im anatolischen Eskişehir, bisher nicht gerade als Eldorado zeitgenössischer Kunst bekannt, macht ein spektakulärer Museumsneubau auf sich aufmerksam. Das neue Wahrzeichen der Stadt präsentiert sich als ein Ensemble von elf aus Kantholz gebildeten und ineinander verschachtelten Kuben. Die japanischen Architekten Kengo Kuma und Partner verstehen ihren Entwurf für das Odunpazarí Museum für Moderne Kunst als Hommage an die Region, in der Holzbearbeitung und Holzhandel eine jahrhundertelange Tradition haben. Namensgeber ist seine Lage auf dem einstigen Holzmarkt von Eskişehir (Odunpazarí), um den herum das Museumsquartier wächst.

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Neue Perspektiven eröffnen

Die Universitätsstadt Eskişehir beheimatet bereits zahlreiche Museen; unter anderem ein Archäologisches Museum, eines für Glas und Keramik sowie ein Technisches Museum. So weit, so unverfänglich. Das Odunpazarí Museum für Moderne Kunst bereichert diese Museumslandschaft um eine neue Dimension: Es beherbergt eine auch international bedeutende Sammlung moderner Kunst, die Exponate aus den 1950er-Jahren bis in die heutige Zeit umfasst. Zusammengetragen hat sie der Architekt und Bauunternehmer Erol Tabanca. Seiner Initiative ist auch der Museumsneubau im Zentrum der Altstadt zu verdanken. Erklärtes Anliegen des Kunstmäzens ist es, die Menschen mit neuen Sichtweisen herauszufordern – zumindest was die Architektur des Neubaus anbelangt, ist ihm dies gelungen. Mit der aufsehenerregenden Architektur dürfte zudem die Hoffnung auf den „Bilbao-Effekt“ verbunden sein: wirtschaftlichen Aufschwung durch Kulturtourismus zu generieren.

Seit der Eröffnung des Odunpazarí Museums für Moderne Kunst können Besucher auf drei Ebenen durch eine Vielzahl von Ausstellungsräumen unterschiedlicher Qualitäten flanieren. Die Topografie des Geländes, die einen Höhenunterschied von mehreren Metern aufweist, führte zur Ausbildung von zwei Eingängen: Der Hauptzugang mit Foyer und Empfang befindet sich in der untersten Ebene. Ein zweiter Eingang ist auf der eine Ebene höher liegenden Plaza angeordnet; hier lockt zudem das Museumscafé zum Besuch.

Auf dieser und den beiden darüberliegenden Ebenen befinden sich Räume für die ständige Ausstellung, für Veranstaltungen und die Büros. Ein über alle Ebenen hinweg geführter Lichthof bringt nicht nur Tageslicht ins Innere des Gebäudes, sondern eröffnet den Besuchern auch vielfältige Perspektiven auf die Ausstellung.

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Überhohe VISS Fassadenwendetüre

Für die Realisierung der grossformatigen Glasfassaden in den Eingangsbereichen sowie der Fassaden zu den Terrassen wählten die Architekten das Stahlprofilsystem VISS von Jansen. VISS ermöglicht hochwärmegedämmte Fassadenkonstruktionen mit Passivhauszertifikat, was angesichts der strengen anatolischen Winter durchaus geboten ist. Die Pfosten-Riegelkonstruktion mit Zweifach-Isolierglas (10/16/66,2 Millimeter) hat einen Dämmwert von 1,4 W/m2K. Die 39 Millimeter starken, 1600 x 3100 Millimeter grossen Scheiben werden von vergleichsweise schmalen Profilen gehalten: Jansen VISS kam in einer Ansichtsbreite von nur 50 Millimetern zum Einsatz. Eine objektspezifische Sonderkonstruktion ist die VISS Fassadenwendetüre des Haupteingangs auf der untersten Ebene: Mit einer Höhe von 4415 Millimetern, zwei Flügeln à 2140 Millimetern und nur 140 Millimetern Stulpbreite führt sie die grosszügige Linie der VISS Fassade im Erschliessungsbereich fort.

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Brandschutz auf der ganzen Linie

Es versteht sich (fast) von selbst, dass bei einem derart exzessiven Einsatz von Holz dem Brandschutz erhöhte Aufmerksamkeit zukommt. Jansens Kompetenz beimBrandschutz liegt darin, dass komplette Fassaden, einschliesslich der Türen und Eingangsbereiche, trotz unterschiedlicher Schutzziele in einheitlicher Ansicht realisiert werden können: So war für die Glasfassade zwischen dem Veranstaltungsraum und der Terrasse die Brandschutzanforderung EI60 gegeben. Mit dem Stahlprofilsystem VISS Fire konnte sie im grosszügigen Raster der übrigen VISS Fassaden erstellt werden. Und auch bei den zweiflügeligen, nach aussen öffnenden Drehtüren konnte mit Janisol C4 EI60 in gleicher Profilansicht und Bautiefe die einheitliche Optik beibehalten werden.

Ob es der spektakuläre Museumsneubau ist, oder aber die breit gefächerte Kunstsammlung, was die Menschen anlockt, darüber kann man nur spekulieren. Tatsache ist, dass rund 140.000 Kunst- und Architekturinteressierte das Odunpazarí Museum für Moderne Kunst in den ersten sechs Monaten nach seiner Eröffnung besucht haben. Leider musste auch dieses Museum wegen der Corona-Pandemie vorübergehend schliessen. Doch die Besucherzahlen des ersten Halbjahres lassen keinen Zweifel daran, dass der „Bilbao-Effekt“ wirkt.

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Text: Anne Marie Ring

Fotos: Mustafa Baturay Çamcı, Batuhan Keskiner, Naaro

Zeichnung, Schnitt: Kengo Kuma and Associates, Tokio 

 

BAUTAFEL

Bauherr: Polimeks Holding, Istanbul

Architekten: Kengo Kuma and Associates, Tokio

Fassadenbau: Bisam Facade Systems, Istanbul

Stahlprofilsysteme: VISS, VISS Fire, VISS Fassadenwendetüre, Janisol,

Janisol C4 EI60

 

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