Sanierung und Erweiterung eines Zeitzeugen

Für die gelungene Sanierung der Fassade und Ertüchtigung der Stahlstrukturbauten sowie der Erweiterung erhielt die Schulanlage Auen in Frauenfeld/TG den Prix Acier 2021. Die Jury lobte besonders die vorbildliche Zusammenarbeit der beteiligten ArchitektInnen, PlanerInnen, IngenieurInnen und den drei Stahl- und Metallbauunternehmen.

Die Schulanlage Auen ging aus einem Projektwettbewerb hervor und wurde 1967/68 realisiert. Sie gilt als exemplarisches Schweizer Beispiel der Solothurner Schule, einer damals jungen Architektengruppe, die sich radikal der modularen Stahl- und Glasvorhang-Architektur verschieben hatte.

Die Schulanlage von Alfons Barth und Hans Zaugg umfasste drei kompakte Flachdach-Kuben, deren Stahlstruktur auf einem Grundriss-Quadratraster von 2,1 Metern aufgebaut ist. Der Metallbauer Tuchschmid AG hatte damals eigens für dieses Raster ein Stahlskelett entwickelt und realisiert. Dessen schlanke Stahlstützen verschwanden hinter der filigranen Aluminium-/Glasfassade und ermöglichten eine komplett offene Grundrissgestaltung der Unterrichts- und Nebenräume. 1991/92 realisierten die gleichen Architekten ein zweites Schulgebäude. Die Flachdachbauten wurden zudem mit einer überdachten Passage untereinander verbunden.

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Umfangreiche Bestandsanalysen

Nicht nur das Wachsen der Schule gab 2012 den Ausschlag für eine Erweiterung und Sanierung. Auch wiesen die wegen ihrer grossen Glasfläche schlecht isolierten Gebäude nach mehr als 45 Jahren ununterbrochener Nutzung zahlreiche Mängel auf. Zudem entsprachen die Bauten nicht mehr den gesetzlichen Normen für Brandschutz, Haustechnik, Bauphysik, Schadstoffe und Erdbebensicherheit. In der Folge all dieser Überlegungen wurde eine Machbarkeitsstudie für die Erweiterung und Sanierung in Auftrag gegeben.

Aufgrund der mehrfachen Erfahrungen mit bereits sanierten Bauten der Solothurner Schule konnte in der Machbarkeitsstudie auf Erfahrungswerte bezüglich der Möglichkeiten und Grenzen der Fassadensanierung zurückgegriffen werden. Eine Analyse von Fassadenbau- und Bauphysik-Spezialisten zeigte auf, dass die energetische Ertüchtigung der Bestandshüllen mittels Glasersatz die Zielvorgaben erfüllen würde und die feingliedrige Aluminiumkonstruktion der Fassade auf diese Weise erhalten bleiben konnte. Die Stadt Frauenfeld und die kantonale Denkmalpflege entschieden sich deshalb, die Gebäude in ihrer Gesamtheit zu belassen und die bestehenden Fassaden zu ertüchtigen.

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Filigranes Fassadenbild

Der 2014 erfolgte anonyme Architekturwettbewerb konnten die Basler Architekten Jessen Vollenweider für sich entscheiden. Sie setzten zu den bestehenden Gebäuden eine neue Ost-West-Achse mit drei niedrigeren, pavillonartigen Volumen, die spannende Zwischenräume mit Aufenthaltsqualität schaffen. Ebenfalls als Stahltragwerk realisiert, setzen sich die lichtdurchfluteten Pavillons als Neuinterpretation vom Bestand ab. Das Tragwerk wurde hier nach aussen gelegt und die Stützen aus den Ecken gerückt. Das auskragende, schwebende Flachdach verstärkt den Pavilloncharakter. Dem Metall- und Fassadenbauunternehmen Krapf AG, verantwortlich für die konstruktiven Lösungen der Neubauten, ist es dabei gelungen, das Potenzial des Stahltragwerks in eine ausdruckstarke Form zu bringen und zugleich die technische Machbarkeit auszuloten. Die Krapf AG war beim Objekt für die Primärtragkonstruktion aus lasergeschweissten Stahlprofilen, Einsatzelement in Janisol, Festelemente, Schiebetüren, Doppelflügel-Drehtüren und gebogenen Eckelemente verantwortlich.

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Wie aus einem Guss

Die grösste Herausforderung für die Krapf AG war hier die Umsetzung der bauphysikalischen Anforderungen in Kombination mit den filigranen Ansichtsbreiten der Profilierung. Besonders der Einbau der beweglichen Elemente und die damit zusammenhängende Entwässerung der Fassadenkonstruktion stellte hohe Ansprüche an die Metallbauer der Krapf AG. Die Kraftübertragung der Primärtragstruktur in den Baukörper mit einer durchgehenden Entwässerungsebene wurde mit einer eigens entwickelten Sockelkonstruktion gelöst. Die ebenfalls speziell für diesen Ort entwickelten Hebeschiebetüren fügen sich nahtlos in den Fassadenraster von 2,1 Meter ein und bilden eine filigrane Einheit mit der Gesamtfassade.

Die in die tragenden Primärträger verbauten Fensterverglasungen aus Janisol-Stahlrahmen wirken wie eingesetzte Bilderrahmen. Die äusseren Abdeckungen an der Fassade aus vorgefertigten 15 Millimeter dicken Stahlelementen mussten Millimeter genau in den komplexen Grundriss eingepasst werden. Für das Auge wirken die durchgehenden Linien so, als wäre die gesamte Fassade aus einem Guss gefertigt. In Abgrenzung zu den denkmalgeschützten Bestandsbauten haben sich die Architekten entschieden – für eine klare Ablesbarkeit der Erweiterung – die Tragstruktur und abgehängten Trapezblech-Decken sowie die Fensterrahmen komplett in Weiss zu halten.

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Pragmatischer Ansatz

Die Sanierung der Vorhangfassaden der Bestandsbauten von 1968/67 waren ebenfalls eine höchst anspruchsvolle Herausforderung für die Architekten und die hierfür verantwortlichen Stahl- und Metallbauer. Die Fassadenprofile konnten zwar alle wiederverwendet werden. Die energetischen Anforderungen erforderten jedoch das Einsetzen von Dreifachverglasungen. Diese Massnahmen senken heute den Energieverbrauch massgeblich und ermöglichen den Minergie-Standard für die sanierten Bauten. Da allerdings die Profile verstärkt werden mussten, wurden die “offenen” Ecken mit einer abgerundeten Verglasung ausgefacht.

Da einige originale Bauteile entfernt werden mussten, konnten die ursprünglichen Anforderungen des denkmalpflegerischen Gutachtens zwar nur teilweise erfüllt werden. Die Charakteristik der architektonischen Zeitzeugen lebt aber durch die sorgfältige Fassadensanierung sowie die bautechnisch und konstruktiv raffinierte Weiterentwicklung der modularen Stahltragwerks in den Pavillonbauten weiter.

Für diesen respektvollen Umgang mit dem historischen Zeitzeugen und die gelungene Erweiterung hat die Schulanlage Auen den Schweizer Stahlbaupreis Prix Acier 2021 erhalten. Die Jury würdigte nicht nur das herausragende Bauwerk in seiner neuen Gesamterscheinung, sondern explizit auch die vorbildliche Zusammenarbeit zwischen der Bauherrschaft und den beteiligten Spezialisten inklusive der Metallbauer.

Fotos: Jessen Vollenweider Architektur AG