Fassade mit konturgebender Dynamik

Die Entwürfe von Zaha Hadid Architects sind stets fliessend und in Bewegung. So auch das Masaryčka-Gebäude direkt beim Bahnhof von Prag: Die geschwungenen, ineinander greifenden Flächen der spektakulären Fassade erforderten eine aussergewöhnlich hohe Anzahl massgefertigter Verbindungen und konstruktiver Sonderlösungen.

Der Masaryčka-Gebäudekomplex direkt neben den Gleisen des historischen Bahnhofs von Prag versteht sich als architektonischer Wendepunkt im Zentrum der Stadt. Das von Zaha Hadid Architects entworfene Büro- und Gewerbegebäude  verwandelt ein ehemals industriell genutztes Areal in ein lebendiges Stadtquartier, das Arbeiten, Aufenthalt und Mobilität miteinander verknüpft. Die beiden Baukörper mit sieben beziehungsweise neun Geschossen bieten rund 22.000 Quadratmeter Büro- und Einzelhandelsflächen, die über Strassenräume, Bahnsteige und weitläufige Dachterrassen erschlossen werden. Der hohe funktionale und städtebauliche Mehrwert des Projekts wurde mit dem „Building of the Year Award“ ausgezeichnet.

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Städtebauliche Verankerung

Der Entwurf reagiert auf die kleinteilige Topografie der Prager Altstadt und interpretiert diese zugleich zeitgenössisch. Das Gebäude definiert eine neue Piazzetta an der Na-Florenci-Strasse, die als urbaner Auftakt dient und das Quartier in das bestehende Stadtnetz einbindet. Öffentliche Wege, terrassierte Grünflächen und verbesserte Umsteigebeziehungen zwischen Bahn-, Tram- und Busverkehr erhöhen die Durchlässigkeit des Areals. Trotz seiner klaren Grundstruktur bleibt der langgestreckte Baukörper architektonisch beweglich: Konventionelle horizontale Organisation wird immer wieder zugunsten räumlicher Einschnitte und diagonaler Abschnitte aufgebrochen, wodurch die Gebäudemasse gegliedert und die stadträumliche Wirkung gestärkt wird.

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Fassade mit Dramaturgie

Die Fassadengestaltung bildet das zentrale architektonische Leitmotiv des Projekts und entwickelt sich als kontinuierliche, räumlich dynamisierte Hülle um das Gebäudevolumen. Das Sockelgeschoss verläuft über zwei Etagen und wird durch ein klassisches Pfosten-Riegelfassadensystem abgeschlossen. Darüber umgreifen horizontal und vertikal geführte Fassadenbänder den Baukörper in schichtartigen Bewegungen, variieren in ihrer Ausdehnung und erzeugen eine konturgebende Dynamik, die den Bau nach oben streben lässt. Goldene und anthrazitfarbene Metallpaneele verankern den Baukörper im historischen Kontext Prags. Lamellen überführen die horizontale Gliederung an den Gebäudestirnseiten in die Vertikale und schaffen damit laut Zaha Hadid Architects eine abstrahierte Reminiszenz an die Türme der Altstadt.

Die Hülle wird durch präzise gesetzte Gliederungen und Unterteilungen noch markanter: Diagonal eingesetzte Bereiche mit zurückgesetzten Balkonnischen intensivieren die Wahrnehmung der Bewegung entlang der Fassade. Ein zentraler Einschnitt unterteilt die gewaltige Masse des 42 Meter hohen und rund 215 Meter langen Gebäudes in zwei Baukörper. Das überhohe Sockelgeschoss verläuft jedoch über die gesamte Gebäudelänge und bildet die Basis für die beiden darüberliegenden Baukörper.

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Während die Fassaden der beiden Baukörper auf der Längsseite die Horizontale betonen, türmen sich die Linien in einem Bogen zur Vertikalen und bündeln sich an der westlichen Stirnseite zu einer skulptural verdichteten Krone. Der goldene Kiel fungiert dabei als dominantes räumliches und konstruktives Element. Seine äusseren und inneren Komponenten sind durch Glasflächen getrennt, wodurch sich das Motiv des Kiels optisch vom Aussenraum in den Innenraum fortsetzt. Die verschachtelten, räumlich gekrümmten Aluminiumbleche der miteinander verbundenen Kielelemente machen jedes Paneel zu einem Unikat.

 Die technische Ausarbeitung der Gebäudehülle folgt dieser architektonischen Dramaturgie mit hoher konstruktiver Präzision. Für die komplex gekrümmten Flächen wurden individuelle Aluminium-Paneele mit Kantenlängen von bis zu drei Metern gefertigt. Sie sind über eine rund 30 Tonnen schwere, kielartige Stahlträgerstruktur fixiert, deren mehrdirektional justierbare Befestigungspunkte eine durchgängige Fugenführung selbst an stark gekrümmten Geometrien gewährleisten.

Insgesamt wurden 265 goldene Kielpaneele installiert, deren sichtbare Goldstreifen eine Länge von nahezu sechs Kilometern erreichen. Für die gesamte Fassadenkonstruktion kamen mehr als 200 Tonnen Stahl zum Einsatz, darunter etwa 30 Tonnen für die Tragstruktur des Kiels. Ergänzt wird die Gebäudehülle durch mehr als 2.600 Glaselemente unterschiedlicher Typologien und Zusammensetzungen.

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Der Entwurf des Gebäudes nach Plänen von Zaha Hadid Architects intensiviert die Komplexität, da die Vielzahl der geschwungenen, ineinander greifenden Fassadenflächen eine aussergewöhnlich hohe Anzahl massgefertigter Verbindungen und konstruktiver Sonderlösungen erforderte. Nahezu jedes Bauteil der Aussenhaut wurde als Einzelstück entwickelt und gefertigt. Diese Individualisierung stellte allerhöchste Anforderungen an Planung, Produktion, Logistik sowie Montage und machte die gesamte Fassadenrealisierung zu einem integralen technischen Präzisionsprozess.

Die Planung, Ausführung und Montage dieser Bauteile erfolgte durch das tschechische Fassadenbauunternehmen Sipral und stützte sich auf mehr als 18.000 Produktions- und Montagezeichnungen.

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Energetische Performance

Die technisch ausgereifte Gebäudehülle ist zugleich zentraler Bestandteil der Nachhaltigkeitsstrategie: Eine doppelt wärmegedämmte Fassade optimiert den Tageslichteintrag, reduziert Kühllasten und ermöglicht eine hybride Lüftung. Intelligente Gebäudesteuerungssysteme überwachen kontinuierlich die Umgebungsparameter und steuern die energieeffiziente Anlagentechnik mit Wärmerückgewinnung. Terrassierte Einschnitte, insbesondere an der Ostseite, verbessern Belichtung und Luftzirkulation und erweitern die Nutzungsmöglichkeiten der Bürogeschosse.
Das Projekt verfolgt eine ambitionierte ökologische Agenda: Hybride Lüftungssysteme, Wärmerückgewinnung, Regenwassernutzung und die bevorzugte Verwendung lokaler, recyclingfähiger Materialien tragen zu den Zielen der angestrebten LEED-Platin-Zertifizierung bei und entsprechen den Vorgaben der RIBA 2030 Climate Challenge.

Das Masaryčka Gebäude ist integraler Bestandteil eines umfassenden Modernisierungsprogramms des Masaryk-Bahnhofs, dessen Umbau bis Mitte 2026 abgeschlossen sein soll. Der Gebäudekomplex entfaltet eine überzeugende Synthese aus städtebaulichem Mehrwert, technischer Raffinesse und gestalterischer Kraft und setzt einen markanten Impuls für die Weiterentwicklung des Stadtzentrums.

 

Text: Gerald Brandstätter/Conzept-B Zürich für das Fachmagazin FASSADE

Fotos: BoysPlayNice, Prag

 

Bautafel

Bauherrschaft: Penta Investment, Prag

 Architektur: Zaha Hadid Architects, London

Fassadenplaner: Sipral a.s, Prag